Wuppertaler Schauspielhaus geschlossen Proteste zum Abschied

Von Kristina Gründken

Nach fast 50 Jahren ist im Wuppertaler Schauspielhaus der letzte Vorhang gefallen. Das Gebäude wird geschlossen, das vierzehnköpfige Sprechtheater verkleinert. Die letzte Vorstellung am Sonntagabend (30.06.2013) wurde von lauten Protesten der Zuschauer begleitet.


Wuppertaler Schauspielhaus

"Wir wollen Schauspiel!" skandierten Zuschauer und Schauspieler - ihr Wunsch wurde am Sonntagabend (30.06.2013) noch einmal an diesem Ort erfüllt. Ein letztes Mal hob sich der Vorhang für das Kapitalismusstück "Eine Billion Dollar" - nun ist Schluss. Das Gebäude des Wuppertaler Schauspielhauses wird endgültig geschlossen, der Stadt fehlt das Geld für die Sanierung. Die Umbauvarianten würden bis zu 40 Millionen Euro kosten - unbezahlbar für die hochverschuldete Stadt Wuppertal.

Das Problem seien aber nicht nur die Sanierungs-, sondern vor allem die Betriebskosten, sagt der Wuppertaler Kulturdezernent Matthias Nocke (CDU). Nocke war als offizieller Gesandter der Stadt zum Abschiedsabend gekommen. Auf einen freundlichen Empfang konnte er nicht hoffen, seine Rede vor der letzten Aufführung ging zunächst auch in Protestrufen unter. "Ich wurde erst einmal niedergebrüllt", erzählt Nocke. "Von vorne brüllen Leute, von den Rängen brüllen Leute und dann brüllt auch noch das Ensemble hinter dem Vorhang - dagegen kommt man nicht an. Aber ich hatte ja ein Mikro und nach einer Zeit konnte ich dann auch das sagen, was ich sagen wollte." Er nutzt die Gelegenheit, um dem Ensemble zu danken und betont, dass die Stadt das Sprechtheater wertschätze. Die Zuschauer lässt das unbeeindruckt - sie protestieren weiter lautstark.

Abriss nicht ausgeschlossen


Besucher mit roten Blumen vor einem Werbeplakat der Wuppertaler Bühnen
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Nach dem Stück, als der letzte Vorhand gefallen ist, verabschiedet Intendant Christian von Treskow jedes Mitglied der Truppe vom Schauspieler bis zum Techniker persönlich. Dann setzt er zu einer verbitterten Rede darüber an, wie die Stadtspitze das Schauspielhaus dem Untergang geweiht habe und auch die Zuschauer das verwahrloste Haus zuletzt gemieden hätten.

Seit Jahren rottet das elegante Theatergebäude mit seinen Granitwänden, viel Marmor und schwarzen Ledersesseln vor sich hin. Am Haus wächst das Unkraut fast meterhoch, die Natur hat Besitz auch von der weitläufigen Terrasse ergriffen. Viele Fensterscheiben sind blind. Nur im Eingangsbereich hat die Truppe eigenhändig Fotos aufgehängt und die Fenster regelmäßig geputzt. Seit 2009 durfte sie nur noch das Foyer des Theaters bespielen - jetzt ist auch damit Schluss. Wie es mit dem Gebäude weitergeht ist offen. Das Von der Heydt-Museum könnte einziehen, ein weiteres Modell ist ein Tanzzentrum, doch auch ein Abriss ist nicht ausgeschlossen.

Zuspruch des Publikums

In der Schließung des Schauspielhauses sieht von Treskow auch eine Verbindung zum Tod der legendären Choreographin Pina Bausch vor vier Jahren. "Jahrelang hat sie ihre schützende Hand über dieses Gebäude gehalten", so der Intendant. Kein halbes Jahr nach ihrem Tod am 30. Juni 2009 habe die Stadtspitze das endgültige Aus für die Spielstätte verkündet. Damals hatten Bürger und prominente Schauspieler in einer bundesweit beachteten Aktion die Rettung des Theaters an der Wupper gefordert. Auch im November 2012, als der Stadtrat Einsparungen in Millionenhöhe bei Oper und Schauspiel beschloss, gab es Proteste. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, schrieb einen eindringlichen Brief an den Wuppertaler Kulturdezernenten - vergeblich.

Das Wuppertaler Schauspiel ist für experimentelles und progressives Theater bekannt. Auch damit sei man bei der Stadt angeeckt, so Intendant von Treskow, dessen Vertrag mit der aktuellen Spielzeit ausläuft. Dabei habe man ein wunderbares Publikum, dass das moderne Programm zu schätzen wisse. "Es hat zwar auch Zeiten gegeben, in denen man sich mehr Besucher gewünscht hätte, aber auch der tolle Zuspruch bei der letzten Aufführung zeigt ja, dass das Wuppertaler Publikum besser ist als sein Ruf."

Neue Spielstätte ab Herbst 2014

Nach der letzten Vorstellung am Sonntagabend gibt es noch ein Fest und Sekt für alle. Einige Zuschauer haben Tränen in den Augen. "Es ist eine Schande", sagt Yvonne Dehnert, die mit ihrem Mann seit über 30 Jahren eine treue Theaterabonnentin ist. Mit einem kleinerem Ensemble wird im Herbst 2014 eine neuen ständige Spielstätte neben der Oper eröffnet. Eine anstrengene Veränderung, weiß Kulturdezernent Nocke, aber er hofft, "dass wir mit der neuen Konzeption die Voraussetzungen geschaffen haben, weiterhin gutes Sprechtheater in Wuppertal zeigen zu können. Das Theater lebt, auch wenn dieses Gebäude geschlossen wird".

Dennoch: Intendant von Treskow befürchtet, dass die Stadt das Schauspiel marginalisieren, es "scheibchenweise" an den Rand drängen will. Kulturpolitisches Ziel sei stattdessen Tanz- und Operntheater auf hohem Niveau. Die Schließung des bisherigen Gebäudes sieht aber auch der scheidende Intendant pragmatisch: "Wir wollen ja nicht nur Besitzstandswahrer sein. Theater muss Bewegung haben, sonst erstarrt es". Und so müsse man eben auch mit dieser Veränderung leben.


Stand: 01.07.2013, 09.36 Uhr