Stundenbuch-Autor im Interview "Wie geht das eigentlich, das Sterben?"

Der letzte Atemzug - und dann? In dem Feature "Stundenbuch des Todes" beschreibt Gotthard Schmidt den Prozess des Sterbens und der Verwesung außergewöhnlich detailliert. WDR 3 sendet das Feature zur ARD Themenwoche "Leben mit dem Tod". Im Gespräch mit WDR3.de erzählt der Autor von schwierigen Recherchen, viel Hörerpost und eigenen Todesgedanken.


WDR3.de: Herr Schmidt, wie sind Sie auf die Idee zu dem Feature "Stundenbuch des Todes. Ein anatomischer Bericht" gekommen?

Gotthard Schmidt: Der Auslöser war ein anderes Hörspiel, bei dem ich plötzlich merkte: Diese medizinische Frage finde ich spannend. Ich habe 1977/78 ein Hörspiel geschrieben, "Taxi zum Kopenhagener Keller", das von einem Menschen handelt, der soeben jemanden umgebracht hat. Das habe ich medizinisch beschrieben und bemerkt, dass mich interessiert: Wie geht das eigentlich, das Sterben? Es wäre doch interessant, herauszukriegen, was mit einem selbst passiert, wenn man tot ist. Nicht, was mit der Seele passiert - weil ich gar nicht weiß, ob es so ein Ding wie die Seele gibt - sondern was mit dem Körper passiert.

WDR3.de: Anfangs war es schwierig, einen Sender für Ihr ungewöhnliches Thema zu finden...

Schmidt: Es sollte ein sehr detailliertes Werk sein. Der frühere Sender Freies Berlin lehnte die Idee zu dem Werk ab und meinte, das Thema gebe nicht genug her, um eine Stunde zu füllen. Außerdem fand die Redakteurin das Thema so grauenvoll, dass sie sich nicht traute, etwas damit zu machen. Der Bayerische Rundfunk kaufte das Werk schließlich.

WDR3.de: Wie haben Sie die Informationen über das Sterben recherchiert?

Schmidt: Da ich kein Mediziner bin, habe ich versucht, jemanden zu finden, der mir das erklären kann - und habe über viele Jahre keinen gefunden. Ich habe mit Gerichtsmedizinern und Hausärzten gesprochen, aber leider nicht viel 'rausgekriegt. Die Idee hatte ich bereits um 1977/78, Ende der 1990er hat mich jemand darauf gebracht, an der Uni Düsseldorf nachzufragen. Da habe ich dann Professor Sinclair Cleveland getroffen [der am Zentrum für Physiologie, Abteilung für Neuro- und Sinnesphysiologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig war, Anm. d. Red.], der verstand, was ich machen wollte. Er hat mir Literatur gegeben, die ich durchgearbeitet habe. Meinen anschließenden Text hat er auf medizinische Stimmigkeit gegengelesen.

WDR3.de: Was hat Sie bei den Recherchen über den Sterbeprozess am meisten überrascht?

Schmidt: Hm, eigentlich die Entdeckung, dass im Normalfall tatsächlich nach zehn Jahren gar nichts mehr übrig ist. Ich hatte immer die Vorstellung, mindestens die Knochen bleiben ganz lange erhalten.

Dann fand ich eine Sache anekdotisch, nämlich dass, mindestens scheinbar, die Sexualität ziemlich zuletzt verschwindet. Es ist ja schon bemerkenswert, dass im Tode noch eine Erektion passiert, das fand ich irgendwie witzig. Man kann das fast sinnbildhaft auffassen. Es ist, als wollte das Leben sich noch einmal so richtig darstellen: Hallo, ich könnte mich sogar noch fortpflanzen!

WDR3.de: Die Sendung hat zahlreiche Hörerreaktionen hervorgerufen. Haben Sie das erwartet?

Schmidt: Nein, überhaupt nicht. Das sind ja Hörerresonanzen, die ich allenfalls aus den 50er Jahren kenne. Die haben mich total verblüfft. Normalerweise kriegt man ja, wenn es etwas Besonderes ist, vier oder fünf Hörerbriefe, davon drei Manuskriptanfragen. Eine so große inhaltliche Resonanz kommt sehr selten. Es waren zeitweilig über hundert Briefe und Anrufe.

WDR3.de: Welche Rolle spielt die in den Text eingefügte zeitgenössische Musik in dem Stück?

Schmidt: Die hat der Regisseur Oliver Böck eingesetzt. Ich habe nur das Manuskript geschrieben und nichts darüber gesagt, wie es realisiert werden soll. Aber auch ich habe bei meinen Regiearbeiten immer gedacht, man muss etwas haben, Musiken oder anderes, um die Hörer zu entlasten. Es scheint aber gar nicht so nötig zu sein. Es gibt übrigens eine zweite Fassung ohne Musik, die später entstanden ist. Die ist fast eindrucksvoller, hat mehr Wucht.

WDR3.de: Nachdem Sie sich bei der Arbeit an dem Stück sehr ausführlich mit dem Tod befasst haben - wie sehen Sie ihrem eigenen Tod entgegen? Hat das Stück Sie beeinflusst?

Schmidt: Ja, wie sehe ich dem entgegen? Er wird schon kommen! Das Stück hat meine Ansichten nicht verändert. Ich denke nicht wirklich viel über den Tod nach, insbesondere nicht über den eigenen. Ich halte nicht so viel davon, was manchmal gefordert wird, dass man viel mehr über den Tod nachdenken müsse. Man weiß, dass man sterben wird und damit hat sich’s dann auch. Ich habe es eigentlich mehr mit dem Leben zu tun. 

WDR3.de: Umso interessanter, dass Sie dieses Feature geschrieben haben.

Schmidt: Sicher, und dass ich 20 Jahre immer mal wieder darüber nachgedacht habe, natürlich nicht pausenlos. So wie ich mich nicht an das erinnern kann, was vor meiner Geburt war, weiß ich auch nicht, was nach dem Tod kommt. Dazwischen ist eben Leben, und das soll man gut machen.

Das Interview führte Melanie Hahn.


Stand: 15.11.2012, 14.07 Uhr