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Sonntag, 04. Oktober 2009, WDR 3 open: Studio Neue Musik 23:05 Uhr

Kurtágs Botschaften

mit Patrick Hahn

 

Moderation

Herzlich Willkommen zum Studio Neue Musik. Heute mit Musik von

György Kurtag – und ganz vielen verschlüsselten Botschaften.

 

György Kurtag

Flowers we Are.. – for Miyako (for four hands)

CD: BMC CD 123; A: György und Marta Kurtag   
1:27

 

Moderation

Blumen sind wir – Marta und György Kurtag, aufgenommen an ihrem eigenen Klavier. Die Wärme und Intimität die dieses kleine Klavier ausstrahlt trifft die Atmosphäre von Kurtags Kompositionen besser, als es jeder Konzertflügel könnte. Blumen sind wir – dieses Klavierstück ist von seinem Autor immer wieder, zu vielen Anlässen neu in Form gebracht worden ist. Hier als  vierhändige Zwiesprache, zu der sich das klavierspielende Paar auch immer wieder öffentlich verabredet: ohne Worte. Ohne Worte viel sagen: darin ist György Kurtág ein Meister. Doch die Wiederholung scheut er nicht.

 

György Kurtag

J. S. B. Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

CD: BMC CD 123; A: György und Marta Kurtag  
2:27

 

Moderation

Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit. Ein Choral von Johann Sebastian Bach in der Bearbeitung für Klavier zu vier Händen von György Kurtág mit dem Komponisten und seiner Frau am Klavier. Der Siebenbürge Kurtàg ist ein skrupulöser Autor, der keinen Ton zu viel herauslässt und jeder Note ein Höchstmaß an expressiver Nuancierung einschreibt. Das gestrenge, selbstkritische Suchen führt ihn immer wieder zu denselben Gedanken. „Häufig vergesse ich bereits geschriebene Stücke“, bekennt Kurtàg. „Und es kommt vor, dass ich das Gleiche noch einmal neu erfinde...“.

 

Als wäre der Schreibvorgang ein Akt des Wiedererinnerns kommen Themen und Motive im Oeuvre Kurtags immer wieder zum Vorschein. Seine sechs Moments Musicaux für Streichquartett bieten ein schönes Beispiel dafür. Kurtag hat sie 2005 teilweise in Zusammenarbeit mit seinem Sohn erarbeitet. Geht man den verschlungenen Beziehungen der einzelnen Sätze nach, so ist man nahe daran, ein Stück Biographie zu erzählen.

 
Eine der ältesten Spuren weist auf ein Klavierstück aus dem Jahr 1943, das der Sechzehnjährige als Antwort auf eine Gedichtvertonung seines damaligen Lehrers schrieb – was damals tastend zu Papier gebracht, bringt heute die Saiten eines Streichquartetts zum Schwingen. 


Auch die übrigen Sätze weisen in zahlreichen Details auf die Musik- oder die Lebensgeschichte des Verfassers und geben damit einen unverborgenen Hinweis worum es im Doppelpassspiel mit sich selbst auch gehen dürfte: um ein Kommunizieren, das sich so offen fortzeugt, wie die pulsierenden Klänge am Ende des letzten der sechs Stücke, über die Kurtag die Anweisung schrieb: „stumm weiterklingen lassen“. 


Das Athena Quartett stellt ihnen György Kurtags Six Moments Musicaux in einer Neuaufnahme des WDR vor. Die Satzüberschriften lauten: Invocation [un fragment]. Footfalls - …mintha valaki jönne… . Capriccio. In memoriam György Sebök. …rappel des oiseaux … [l’étude pour les harmoniques] und Les Adieux (in Janaceks Manier).


György Kurtág

6 Moments musicaux op. 44 (2005)

Streichquartett Athena Quartett  
14:30

 

Moderation

Das Athena-Quartett – ein rein weibliches Streichquartett – mit Six Moments Musicaux von György Kurtag. Vor dieser Produktion haben die vier Damen des Athena-Quartetts mit György Kurtag gemeinsam an den Streichquartettsätzen gearbeitet. Ein äußerst forderndes Unterfangen, wie jeder Musiker zu berichten weiß, der einmal mit Kurtag zusammen gearbeitet hat. Was oft leicht, wie hingetupft wirkt ist das, was nach einem Prozess des Feilens und Schleifens übrig bleibt. Oder ist es umgekehrt? Sind es die abgefallenen Splitter, die Kurtág uns vorführt? Botschaften sind es in jedem Fall, denn die meisten seiner Stücke haben bestimmte Adressaten – so, auch die folgenden Spiele für Klavier.     

 

György Kurtág

Les Adieux (in Janaceks Manier) (1992)
Hommage à Schubert (1975-79)

... and once again: Shadow-play (1995) CD 2,

Agitato (1975-79)

CD: LC-10488, 0012902KAI, A: Marino Formenti  

     

Moderation

WDR 3 open: Studio Neue Musik und Marino Formenti mit einigen Spielen für Klavier solo aus der Feder von György Kurtág: Les Adieux, Hommage à Schubert, und noch einmal: Schattenspiel sowie Agitato. Spiele nennt Kurtág solche Miniaturen. Doch das mindert nicht den Ernst, mit dem er sie betreibt. Beim Humor hört der Spaß bekanntlich auf, wie man in Ungarn sagt. Die erste Serie der Spiele entstand Anfang der 1970er Jahre. Mit einfachen Stücken für Kinder wollte der Komponist sich aus einer Schaffenskrise befreien und reduzierte seine Ausdrucksmittel auf wenige basale Gesten, wenige Töne, neugieriges Abtasten des Klaviers. Spätere Serien der Spiele haben den

pädagogischen Zug der ersten Serie abgelegt, sind noch freier geworden. Ohne Leichtigkeit geht es nicht, wenn man Spiele schreibt, wie die Folgenden:

 
Clusterspiel 1+2, Capricciosa (Der Geist ist frei), Spiel mit dem Unendlichen (Objet trouvé II), Scherzo und Menschen wie Blumen III. Es spielen György und Martá Kurtág.

György Kurtag

Clusterspiel 1+2, Capricciosa (Der Geist ist frei), Spiel mit dem Unendlichen (Objet trouvé II, Scherzo und Menschen wie Blumen III)

 

2:35

 

Moderation

Marta und György Kurtág mit Spielen für Klavier zu zwei und vier Händen. Was einmal als Spiel und vielleicht spielerisch notiert wurde, taucht gelegentlich auch im Zusammenhang der Signs, Games and Messages wieder auf. Eine ähnlich offene Werkreihe, in der Kurtág seine Farbpalette auch um Blas- und Streichinstrumente erweitert. In einer kleinen Auswahl spielen Musiker des Ensemble Modern Schatten für Kontrabassklarinette und Klavier, ein Sappho-Fragment für Englisch-Horn, Botschaft an Valérie für Kontrabass und Rozsnyai Ilona emlekkere für Englischhorn, Bassklarinette und Klavier.


György Kurtág

Signs, Games and Messages (1990-) für Bläser  

und Streicher (Auswahl)

A: Ensemble Modern

8:11

     

Moderation

Offene oder verborgene Hinweise auf Freunde, literarische Anspielungen oder augenzwinkernde Zitate. Geheime oder ausgeplauderte Vexierspiele im Kleide neu vernähter alter Gewänder, Reverenzen an Vorbilder, denen verschmitzt ein Schnurrbart aufs Porträt gezeichnet ist. Oder vorsichtige Schreittänze, in denen fremde Musiken miteinander bekannt gemacht werden, um schließlich ihre  Verwandtschaft miteinander zu bekunden. All das findet sich den Spielen und

Botschaften György Kurtags.

 

Bis Kurtág seine konzentrierten musikalischen Gedanken jedoch in die Freiheit entlässt, durchlaufen sie einen, Freunde sagen: „überkritischen“ Prozess. Es sei schon schwierig, „die Stücke bei der Geburt am Leben zu erhalten“, wie der Dirigent Zoltan Pesko es beschreibt. Ihm kam im Falle der Serie der Messages op. 34 die Rolle des Geburtshelfers zu. Erst eine Art Probeaufnahme einiger Sätze dieser ersten Serie durch das WDR Sinfonieorchester Köln 1995, die Pesko beim Komponisten durchsetzte, konnte verhindern, dass dieser das Geschriebene dem Papierkorb überantwortete. „Erst dann“, erinnert sich Pesko, „war er von deren Lebensfähigkeit überzeugt un begann auch das eigentlich

unabhängige Zwillings-Werk, die New Messages.“

 

Aus den Titeln der sechs Sätze lassen sich Indizien auf das Netz von Querverweisen entnehmen, das György Kurtág hier entspannt. Der erste (und letzte) Satz Merran’s Dream spielt auf den Traum einer Freundin namens Merran an, der sich auf Shakespeare’s Drama Der Sturm bezog – eines der Lieblingsstücke von György Kurtág, der sich mal in die Rolle des Magiers Prospero begibt, in diesem Fall jedoch die Maske des Hexensohnes Caliban überstreift, der nach dem Willen Prosperos seine Tochter Miranda ehelichen soll – sich hier aber offenbar der Aufgabe befleißigt, einen Traum seiner schönen Miranda zu entdecken und neu zusammen zu setzen. Gewissermaßen neu zu entdecken ist in der Botschaft an Madelein Santchi zum 80. die berühmte Choralmelodie von Johannes Walther, „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“, die unter anderem von Johann Sebastian Bach mehrfach bearbeitet worden ist, ebenso wie von György Kurtág. Im dritten Stück, Schatten, vermuten Interpreten

einen Bezug zu der von Mahler mit „schattenhaft" bezeichneten  Triolenbewegung im Scherzo der 7. Sinfonie. Les Adieux (in Janáceks

Manier) ist ein Widmungsstück zum Abschied des deutschen Kulturattachés Egon von Westerholt aus Budapest. Die Nachricht an Zoltan Pesko ist eine verspätete Antwort auf die Kritik, die dieser an Kurtágs Konzeption der Messages übte. 


„Ich hatte mir während der Komposition eine kritische Bemerkung erlaubt, warum er bei einer solchen großen, orchestralen Serie nur langsame Sätze schreibt. Er ist darauf erst mal nicht eingegangen, aber ein paar Wochen später hat er mir dann dieses sehr lebendige Stück geschickt“, erinnert sich Zoltan Pesko. Der Satz ist die Neufassung eines Fragments aus einem frühen Cimbalomwerk, den Splittern op. 6c.

In einer Neuaufnahme des WDR Sinfonieorchesters Köln unter Leitung

von Emilio Pomàrico erklingen nun New Messages op. 34a.

György Kurtág

New Messages op. 34 a (1998-2000) für Orchester     

11:19

 

Moderation

WDR 3 OPEN: STUDIO NEUE MUSIK. DAS WDR Sinfonieorchester Köln unter Leitung von Emilio Pomarico spielte New Messages op. 34 a von György Kurtág. New Messages, dieser Titel verströmt ein wenig Ironie, denn die meisten der New Messages beruhen auf älteren Instrumentalstücken. Die Nr. 3 ist aus einem Stück für Cello solo hervorgegangen, Nr. 1, 2 und 4 waren ursprünglich Klavierstücke. Kurtágs Orchesterlyrikband New Messages könnte längst zu den festen Größen im Repertoire der Sinfonieorchester gehören. Der große Realisierungsaufwand, mit zahlreichen Sonderinstrumenten und großem Schlagzeug, begünstigt jedoch nicht gerade, dass Kurtágs „neue Botschaften“ häufiger im Konzert erklingen. So gerät eine Aufnahme wie die eben gehörte immer wieder zu einem besonderen Ereignis.

Nicht wegzudenken aus dem gegenwärtigen Musikleben sind hingegen die Spiele für Klavier zu zwei und vier Händen, an denen Kurtag seit vielen Jahrzehnten schreibt.

 

Zum Ausklang lässt das Grau Schumacher Piano Duo zwei weitere Variationen über bekannte Themen erklingen: Eine Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Aus tiefer Not schrei ich zu Dir und noch einmal: Les Adieux in Janaceks Manier. Morgen hören Sie an dieser Stelle WDR 3 open: pop 3 mit einem Cash Crash von Lorenz Schröter, der sagt: „Armut ist Diebstahl“. Mein Name ist Patrick Hahn. Schöne Nacht.

     

György Kurtág
Les Adieux in Janaceks Manier/Aus tiefer Not schrei

ich zu Dir.     
6:53


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