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WDR 3 open: Studio Elektronische Musik 25.11.2009
Kristallwelten - Musik von Michael Obst
mit Patrick Hahn
Moderation 1
Herzlich Willkommen, heute mit einem Werkzyklus von Michael Obst: Crystal World. Am Mikrophon ist: Patrick Hahn.
Ein Physiker zieht in den Dschungel. Er sucht dort nach einer abgeschiedenen Behandlungseinrichtung um von seiner Lepraerkrankung geheilt zu werden. Auf seinen Irrwegen entdeckt er ein merkwürdiges Phänomen: nach und nach versteinert seine Umwelt, durch eine unbekannte Kraft verwandelt sich der Urwald in eine Kristallwelt. Gemeinsam mit anderen Erkrankten versucht er zunächst der Kristallisierung zu entfliehen. Obwohl es ihm gelingt, entschließt er sich am Ende, in den Dschungel zurück zu kehren und seinem Schicksal ins kristallklare Auge zu blicken.
Soweit der Rahmen in der Erzählung The Chrystal World aus der Feder des englischen Autoren James Graham Ballard. Seine Science-Fiction-Geschichten wurden prägend für das Genre. Ein englisches Wörterbuch verzeichnet seinen Namen gar als Adjektiv, um düstere, dystopische Erzählmomente präzise zu bezeichnen: ballardian.
Michael Obst, 1955 in Frankfurt am Main geboren und heute Professor für Komposition an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, komponierte zwischen 1983 und 1987 einen dreiteiligen Werkzyklus, der sich auf Ballards Science fiction Roman bezieht. Vor einigen Jahren erinnerte er sich an seine Beweggründe, seinen Zyklus nach Ballard zu benennen.
O 1 Obst
Der Titel Kristallwelt entstand eigentlich erst nach der Komposition und Realisation einiger Minuten im elektronischen Studio. Die musikalischen und klanglichen Ergebnisse erinnerten mich an einen Roman, den ich als junger Student gelesen hatte. The Chrystal World von J G. Ballard, einem englischen Schriftsteller. Die Handlung des Romans spielte dabei eigentlich eine untergeordnete Rolle. Vielmehr interessierte mich der Grundgedanke des Romans, der darin bestand, dass die Natur mit allem, was ihr zuzurechnen ist, wie Pflanzen, Tiere und auch Menschen sich allmählich in Kristalle verwandelt. Das Bild von perfekter Harmonie des Lichts, von Prismen, millionenfach gebrochen, und ihr Zusammenhang mit absoluter Erstarrung und Tod hatte eine faszinierende Wirkung auf mich. Eben diese Assoziationen hatte ich beim Hören der ersten Abschnitte von Kristallwelt. Was lag daher näher, als dem entstehenden Kompositionszyklus diese Namen zu geben.
Moderation 5
Dem Werkzyklus lagen allein Aufnahmen von fernöstlichen Schlaginstrumenten zugrunde, die Obst im Studio weiter verarbeitete. Der erste Teil wurde am elektronischen Studio der Hochschule für Musik Köln produziert, wo Obst zwischen 1979 und 1984 elektronische Komposition studierte. Die Realisation des ersten Teils von Crystal World erfolgte weitgehend mit den analogen Mitteln, die im Kölner Studio Anfang der 1980er Jahre zur Verfügung standen.
Musik
Michael Obst Crystal World Part I
CD: WER 2011-50, LC 0846 WERGO Track 1
13:04
Moderation 6
Der erste Teil von Crystal World, einer elektronischen Komposition von Michael Obst. Bevor Obst sich der elektronischen Komposition zuwandte, war er bereits ein erfolgreicher Pianist und war unter anderem Mitglied des Ensemble Modern. Das Spielerische kam auch in Crystal World nicht zu kurz. Obst stürzte sich mit Schlegeln und elektronischen Analyseinstrumenten gleichermaßen bewehrt auf die neue Klangwelt, die er in fernöstlichen Schlaginstrumenten entdeckte. Der Keller des Schlagzeugers Christoph Caskel offenbarte den ungeahnten Reichtum an exotischen Instrumenten, die Michael Obst, wie er sagt, „mit dem Mikrophon und reiner Neugier“ erschloss. Spektralanalysen und Klangversuche waren die ersten Schritte mit dem neuen Material.
O 2 Obst
Die der Komposition zugrunde liegenden Instrumente stammen alle aus fernöstlichen Kulturkreisen. Inwieweit ihre klangliche Präsenz auf die ihnen ursprünglich zugedachten Aufgaben zurückzuführen ist, kann ich nicht beurteilen. dennoch haben sie alle eine nur ihnen typische charakteristik gemein. nämlich die der klarheit und eindeutigkeit. rîn und keysu sind verwandt. sie sind schalenförmig und aus messing gearbeitet und kommen aus japan. ihre obertonspektren sind ähnlich, das keysu klingt aber wesentlich dunkler als das rîn. ebenfalls aus japan stammt der moksho , eine art woodblock. er ist rund und sehr kunstvoll gearbeitet. und er verfügt über einen ungeheuer aggressiven und hohen durchdringenden klang. der glissandogong stammt aus china. ist ebenfalls aus messing und macht ab einem bestimmten grad des anschlags ein glissando nach oben. es gibt auch solche, die ein glissando nach unten machen, die hab ich aber nicht verwendet. schließlich ganz anders kommt eine rotierende klangplatte, ebenfalls aus messing daher. sie sieht den umrissen eines schiffchens nicht unähnlich und der klang ist metallisch. und sehr harmonisch. die besonderheit ist ihre spielart, denn sie hängt an einer schnur, die mit dem instrument längsseitig verdreht wird. das hat zur folge, dass das instrument nach dem anschlag zu rotieren beginnt, zu beginn beschleunigend, dann aber über den nullpunkt hinaus verlangsamend. den dabei entstehenden räumlichen effekt habe ich mit entsprechender mikrofonierung beim aufnehmen dann später in der komposition verwendet.
Moderation 7
So der Komponist Michael Obst. Entscheidend war für die Konzeption der einzelnen Sätze auch der Ort ihrer Entstehung. Das EMS Stockholm, wo der zweite Teil entstand, bot die Möglichkeit mit dem Computer zu arbeiten und besaß ein Syntheseprogramm für die menschliche Stimme – diese stellte Michael Obst den Schlagzeugklängen gegenüber. Wie die künstliche Frauenstimme wurden auch die Schlagzeugklänge ausschließlich mit dem Computer erzeugt. Die Harmonik basiert, wie in den übrigen Teilen auf Prinzipien der Gamelan-Musik.
Musik
Michael Obst Crystal World Part II – Chorale Part
CD: WER 2011-50, LC 0846 WERGO Track 2
9:33
Moderation 8
WDR 3 open: Studio elektronische Musik: mit Crystal World Part II – eine rein synthetische Annäherung an die Welt fernöstlicher Schlaginstrumente mit einer künstlichen Frauenstimme. An diesen zweiten Teil schließt sich ein Intermezzo an, das Michael Obst wieder im Kölner Studio realisierte. Hier kehrte er wieder zu echten Instrumenten zurück.
Musik
Michael Obst Intermède
CD: WER 2011-50, LC 0846 WERGO Track 3
5:07
Moderation 9
Das Intermezzo aus Crystal World von Michael Obst. Trotz der unterschiedlichen Grundlagen und technischen Möglichkeiten, die Michael Obst bei der Realisierung seiner Komposition zur Verfügung standen, herrscht im Zyklus Crystal World eine große Einheitlichkeit. Neben der harmonischen Basis entsteht dieser Eindruck auch aufgrund formaler Beziehungen. Obst orientierte sich unter anderem am Goldenen Schnitt.
O 3 Obst
Allen Teilen von Kristallwelt ist gemeinsam, dass ihr struktureller Aufbau sich in einzelnen Formabschnitten vollzieht. So basieren Teil I und Teil III zum Beispiel auf einem zyklischen Formaufbau, das heißt mit einer Exposition und wie auch immer gearteten Reprise. Diese Abschnitte unterliegen Zeitproportionen, die ich entsprechend des Goldenen Schnittes konzipiert habe. Diese Vorgehensweise ist nicht sonderlich neu, bekanntlich hat zum beispiel bartok in dieser richtung gearbeitet. mir schien sie dennoch sinnvoll weil die ihr innewohnende proportion in der natur millionenfach vorkommt. in blättern, schneckenhäusern, in proportionen des menschlichen körpers und so weiter und daher meines erachtens für uns beim hören eines musikstückes, das diese proportionen in der organisation der zeit berücksichtigt, hinsichtlich eines erkennens der form und damit des musikalischen ablaufes in der zeit hilft. aber auch im gestischen kurzer musikalischer ereignisse, die ein glissando oder ein rhythmus oder vielleicht eine pause sein können, scheint der goldene schnitt eine natürlich empfundene proportion zu sein. die leicht nachvollzogen werden kann. auch wenn man ein solches musikstück zum ersten mal hört.
Moderation 10
So der Komponist Michael Obst. Der dritte Teil von Crystal World stellt die Rhythmik und die Anschlagsklänge der Instrumente ins Zentrum. Am Pariser Ircam konnte er diesen Teil mit Originalsamples am Computer realisieren, was Mitte der 1980er Jahre nur an großen Studios möglich war. Auch die menschliche Stimme, nun als Original, wird in diesem Abschnitt noch einmal eingefroren, wird Teil der zugleich leblosen, doch schönen Kristallwelt, die Michael Obst erschaffen hat.
Musik
Michael Obst Crystal World Part II – Chorale Part
CD: WER 2011-50, LC 0846 WERGO Track 4
19:10
Moderation 11
WDR 3 open: Studio elektronische Musik. Heute mit Kristallwelt, einem elektronischen Werkzyklus von Michael Obst. Der dritte und letzte Teil wurde 1986 am Pariser Ircam realisiert.
Morgen in WDR 3 open: WortLaut live aus der Ouestbar in Köln mit dem 1984 geborenen Schriftsteller Benedict Wells. Mein Name ist Patrick Hahn. Schöne Nacht.
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