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Sonntag, 13. Dezember 2009,  WDR 3 open: Studio Neue Musik 23:05 Uhr

Nicolaus A Huber zum 70.

mit Björn Gottstein

Moderation
Er gehört zu den wichtigsten Komponisten der Nachkriegsavantgarde und wird am Dienstag 70 Jahre alt: Nicolaus A. Huber, der am 15. Dezember 1939 in Passau zur Welt kam. Ihm ist diese Sendung gewidmet. Auf dem Programm stehen drei Stücke, wichtige Stationen seiner Entwicklung, die außerdem seine enge Verbundenheit mit dem WDR dokumentieren – darunter Auftragskompositionen und Referenzaufnahmen seiner Schlüsselwerke. Damit herzlich Willkommen zum "Studio Neue Musik". Am Mikrofon begrüßt Sie Björn Gottstein.

1987 entstand das Stück Air mit "Sphinxes" – ein in seiner musikalischen Eigenwilligkeit und seiner semantischen Weitläufigkeit durchaus typisches Stück. Huber war in Schumanns Klavierzyklus Carnaval auf ein heimliches Motto gestoßen. Schumann notiert wenige Töne – als Keimzelle des gesamten Zyklus, die aber nicht gespielt werden soll. Dieses Motto stellte Huber vor eine Reihe von Fragen: Was ist eine Melodie? Wie lang darf ein Melodieton sein? Wie oft darf ich ihn wiederholen? Huber komponierte eine eigene Melodie – die "Air", von der im Titel die Rede ist. Eine Melodie mit 77 Tönen, die sich Ton um Ton entfaltet. Aber diese Töne stehen ganz für sich; ein jeder kommt in einem eigenen Gewand daher. Es ist, als habe Huber die Idee der Melodie ad absurdum führen wollen. Sie hören Air mit "Sphinxes" in einer Aufnahme mit dem Ensemble Modern. Die Leitung hat Jukka-Pekka Saraste.

Musik 1
Nicolaus A Huber
Air mit "Sphinxes" (1987) für Kammerensemble

Moderation
Musik von Nicolaus A. Huber. Jukka-Pekka Saraste und das Ensemble Modern spielten Air mit Sphinxes aus dem Jahre 1987.

Huber hat das Musikleben auf vielen Ebenen geprägt: Er war lange als Lehrer aktiv – von 1974 bis 2003 unterrichtete er Komposition an der Folkwang-Hochschule in Essen. In seinen Schriften wirft er grundlegenden ästhetische Fragen auf. Und er ist ein durchaus engagierter, ja ein politischer Komponist. In den Siebzigerjahren realisierte Huber, der bei Luigi Nono studierte, politische Revuen und Straßentheater, um die gesellschaftliche Isolation des Komponisten zu durchbrechen. Politische Haltung und historisches Bewusstsein liegen bei Huber eng beieinander.

O-Ton Nicolaus A Huber
ich bin beeinflusst von den kommunisten und die ersten kommunisten, die ich getroffen habe, da war ich so erstaunt, dass die nicht nur ihre lieder so gut konnten, sondern die wussten genau bescheid, wann das entstanden ist, die tradition usw also wie man das auch heute zu singen hat, welche tempi, also eine ganz andere art von differenziertheit des denkens ... und das sind einfach dinge, die man auch in der vergangenheit entdecken kann und die vergangenheit für uns interessant macht für uns zu hören.

Moderation
Huber hat als Komponist wichtige entwickelt, darunter die Idee der Rhythmuskomposition. Die Arbeiterlieder, die er in seinen politischen Revuen aufgriff, zwangen ihn damals zu einer Auseinandersetzung mit einfachen Rhythmusmodellen. Huber erkannte, dass ein punktierter Rhythmus zum Beispiel keinesfalls banal ist, sondern als Freiheitsmoment verstanden muss. Auch das folgende Stück, Dasselbe ist nicht dasselbe von 1978, ist eine solche Rhythmuskomposition. Das Stück für kleine Trommel solo weckt Erinnerungen an Märsche und Rituale, an die Unterhaltungsmusik und an die hehre Kunstmusik. Huber schafft gewissermaßen stilistische Kontexte, in denen ein und derselbe Rhythmus aufgrund der Vortragshaltung und der Spielweise in unterschiedlichem Licht erscheint. Dabei geht es Huber nicht so sehr um ausgefallene Effekte. In seiner Gradlinigkeit wirkt das Stück vielmehr wie eine Meditation über das Instrument. Huber sucht die Vielfalt in der Reduktion. Uraufgeführt wurde das Stück 1978 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik. In der folgenden Aufnahme spielt Rainer Römer.

Musik 2
Nicolaus A Huber
Dasselbe ist nicht dasselbe (1978) für kleine Trommel

Moderation
Rainer Römer spielte Dasselbe ist nicht dasselbe von Nicolaus A. Huber.

Huber ist ein kritischer Geist. Viele seiner Werke haben einen politischen Hintergrund. Aber er ist eben auch ein offener Denker, der sich von ganz unterschiedlichen Eindrücken hat anregen lassen. Sein Orchesterwerk Weisse Radierung von 2006 geht auf die Bücher des Physikers Brian Greene zurück. Er habe beim Lesen über Gravitation, Quanten, Strings und Q-Bits ständig an Musik gedacht, erklärt Huber. Die Physik eröffnete dem Komponisten neue Horizonte.

O-Ton Nicolaus A Huber
Es ist viel einfacher und interessanter über Gravitation von Tönen zu reden, als über Tonalität und Intervallbeziehungen und Verschmelzungen usw. Und wenn man so Töne betrachtet, dann fallen diese historischen Punkte und die Bücher, die Harmonielehre, der alte Kontrapunkt, also der Intervallkontrapunkt usw. alle diese Sachen, die fallen als historisch festgelegt und begrenzte Punkte fallen weg und das wird viel fließender, wie mit Tönen umgegangen wird und man müsste neue Begriffe finden.

Moderation
Der rationale, naturwissenschaftliche Aspekt dieses Werkes ist nur einer unter vielen. Weisse Radierung kam im Rahmen einer Reihe thematisch ausgerichteter Konzerte über "Rausch und Ratio" zur Uraufführung. Das Stück thematisiert die Idee des musikalischen Ausdrucks. Huber vergleicht seine Weisse Radierung mit einer chemischen Ätzung.

O-Ton Nicolaus A Huber
also radierung ist ja ein ätzvorgang, also man macht eine platte, die wird beschichtet, und da wird dann reingeritzt und dann kann man ätzen. dieser ätzvorgang, das war das, was mich bei der weißen radierung besonders beschäftigt hat. die thematik war ja: mit emotion und gefühl und so. und ich hatte einfach bestimmte stellen, wo ich selber nicht mehr aufhören konnte und wo ich dachte, da habt ihr jetzt alle emotionen ... wirklich, das war so ein gedankengang.

Moderation
Huber suchte mit Weisse Radierung dann auch nach Formen der Ausdrucksverweigerung, die er bei Stéphane Mallarmé fand, der Weiß als Farbe der Ausdruckslosigkeit verstand und das leere Blatt Papier zu einem ästhetischen Ideal erhob. Huber wirft also einen mehrfach gebrochenen Blick auf die Idee des musikalischen Ausdrucks – ätzende Emotionen und weiße Ausdruckslosigkeit. Sie hören das WDR Sinfonieorchester Köln mit Weisse Radierung von Nicolaus A. Huber. Die Leitung hat Peter Rundel.

Musik 3
Nicolaus A Huber
Weisse Radierung (2006) für Orchester

Moderation
Musik von Nicolaus A. Huber, der am Dienstag 70 Jahre alt wird. Zum Schluss erklang die Orchesterkomposition Weisse Radierung aus dem Jahre 2006. Peter Rundel dirigierte das WDR Sinfonieorchester Köln. Die gehörten Aufnahmen werden in diesen Wochen auch vom Label Coviello auf CD veröffentlicht.

Damit geht diese Sendung für heute zu Ende. Aus der Technik verabschiedet sich: Kanta Schäfer. Die Redaktion der Sendung hatte Harry Vogt. Am Mikrofon verabschiedet sich: Björn Gottstein.


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