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Sonntag, 20. Dezember 2009, WDR 3 Konzert 20:05 Uhr

 

Ensemble Archaeus, Bukarest (Rumänien)

 

Stefan Niculescu Synchronie I (1979) für zwei bis zwölf Spieler
Dan Dediu Gothic Concerto (1997) für 7 Spieler op. 65
Corneliu Dan Georgescu Omnia unus est (2009) für Ensemble UA
Eugen Wendel Spectrum (2009) UA
Horia Surianu Pantum Sonata (1982) für Ensemble DE
Liviu Danceanu History 2 (1998) für Ensemble DE

Dorin Gliga, Oboe
Ion Nedelciu, Klarinette
Serban Novac, Fagott
Alexandru Matei, Schlagzeug
Rodica Danceanu, Klavier
Marius Lacraru, Violine
Anca Vartolomei, Violoncello
Leitung: Liviu Danceanu

Mod 1
Herzlich Willkommen, im Funkhaus und an den Lautsprechern.

Es geschah fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren. Nach der Verhaftung eines Pfarrers am 22. Dezember 1989 in Temeswar hat das rumänische Volk sich gegen die Schreckensherrschaft des Conducator Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena erhoben. Eine 25 Jahre währende Diktatur, gestützt auf den mächtigen Geheimdienst Securitate, nahm in den darauffolgenden Tagen ihr Ende. Am 1. April 2007 dann, trat Rumänien gemeinsam mit Bulgarien bereits der Europäischen Union bei.

In 40 Jahren Kommunismus gedieh das Orchideengewächs „Kunstmusik“ auf dem ausgelaugten Ackerboden sozialistischer Realität dennoch. Aber seine Triebe waren beschnitten durch Unfreiheit und Zensur – der eiserne Vorhang war zu Beginn auch für den künstlerischen Austausch ein bleiernes Korsett.

„Wir waren ziemlich wenig darüber informiert, was in anderen Ländern vor sich ging,” blickte der rumänische Komponist Anatol Vieru 1968 auf die vergangenen Jahre zurück, „und so entdeckten wir verschiedene bereits entdeckte ‚Amerikas’. Dies mag im ganzen unnütz gewesen sein, war aber bestimmt besser, als die Sachen fertig vorgekaut zu bekommen.“ So die Einschätzung des 1998 verstorbenen Vieru.

Nicht minder groß war die Überraschung auf der anderen Seite, wenn im Westen lebende – oder dorthin geflohene – Kollegen entdeckten, was rumänische Komponisten in ihren Kammern fernab der großen Musikzentren ersonnen hatten. Eine merkwürdige Ungleichzeitigkeit des Gleichartigen charakterisierte die Arbeit der rumänischen Komponisten. War es dieser Umstand, der Stefan Niculescu dazu anregte, seine Synchronie Nr. 1 zu schreiben? Sie beruht auf unterschiedlichen Elementen die zur gleichen Zeit, also synchron, vorgestellt werden. Erst später wird deutlich, dass die unterschiedlichen Teile zu ein und der selben Faktur gehören. So wie auch manche Beziehungen der rumänischen Avantgarde zum Rest der Welt sich erst im Nachhinein offenbarten.

Radikal ist Niculescus Stück hinsichtlich der offenen Anlage. Er schrieb es für zwei bis zwölf Spieler – Zusammensetzung und Anzahl der Spieler sind frei wählbar. Das Ensemble Archaeus, ein Septett mit drei Bläsern, zwei Streichern, Klavier und Schlagzeug, nimmt die Gelegenheit wahr sich ihnen gleich in Vollbesetzung vorzustellen. Liviu Danceanu übernimmt die Leitung in Stefan Niculescus Synchronie I.

Musik
Stefan Niculescu
Synchronie I (1979) für zwei bis zwölf Spieler

Mod 2
Synchronie I von Stefan Niculescu in einer Fassung für sieben Spieler – die sieben Spieler des Ensembles Archaeus unter Leitung von Liviu Danceanu.

György Ligeti war begeistert, als er der Musik Stefan Niculescus erstmals begegnete und äußerte die Ansicht, diese Musik müsse die ganze Welt kennen. Niculescu war – neben Tiberiu Olah und Aurel Stroe – einer der wichtigsten Lehrer im Rumänien der Nachkriegszeit. Auch Dan Dediu, der Komponist des nächsten Stücks, ging bei ihm in die Schule.

Dediu, Jahrgang 1967, wurde bereits mit 31 Jahren Professor an der Bukarester Musikuniversität und leitet sie seit 2007 als Direktor. Seine Musik muss man wohl als postmodern im besten Sinne bezeichnen. Sie schert sich nicht um avantgardistische oder traditionalistische Strömungen und schöpft ihre Ideen ebenso aus der Popkultur wie der Kunstgeschichte. Eine Neigung zur Übertreibung, einen Zug ins Groteske und eine humorvolle Tendenz zum Absurden muss man ihr überdies attestieren. Sein Werk erinnert daran, dass Dadaismus und Surrealismus in Rumänien noch tolle Blüten getrieben haben, als die europäischen Künstler bereits längst wieder zum Dienst nach Vorschrift zurückgekehrt waren.

Doch ob er es wagt, mit seinem Gothic Concerto im Schatten des Kölner Doms zu einer Parodie der Gotik aufzuspielen? Wohl kaum. Gothic Concerto – aus dem nun gleich zwei der sieben Sätze erklingen werden – stützt sich auf Grundprinzipien des gotischen Stils, das Streben nach oben und die reiche Ausgestaltung im Ornament.

Das Stück wurde 1997 geschrieben, es wird gespielt vom Ensemble Archaeus.

Musik
Dan Dediu
Gothic Concerto (1997) für 7 Spieler op. 65

Mod 3
Zwei Sätze aus Gothic Concerto von Dan Dediu mit dem Ensemble Archaeus.

Griechen, Römer, Osmanen, Hunnen, Slawen, Moldawen – sie  alle sind im Laufe der Jahrhunderte durch Rumänien gezogen. In der Vielzahl der Einflüsse hat sich erstaunlicherweise eine romanische Sprache erhalten. Nicht zufällig haben Bartók und andere in Siebenbürgen – das im heutigen Rumänien liegt – intensiv nach Volksweisen gesucht. Wo, wenn nicht hier, hätte sich ein reicher musikalischer Humus bilden sollen.

Corneliu Dan Georgescu steht als Musikethnologe gewissermaßen in direkter Nachfolge Bartóks, seit 1989 hat er sich für mehrere Jahre an der Freien Universität in Berlin intensiv der Systematisierung und Klassifikation von Volksmelodien gewidmet. Sein Interesse an der traditionellen Musik überträgt er unmittelbar auf seine eigene Musik – nicht etwa, indem er Folklore darin einfließen ließe. Sein Augenmerk gilt archetypischen Strukturen, die vielleicht in verschiedenen Kulturen die Macht haben, das kollektive Unterbewußtsein anzusprechen.

So baut seine Musik auf elementaren musikalischen Gesten auf, lässt sie vor gleichsam zeitlosen Grundtönen entstehen und stellt sie damit in den Kontext quasi allgemeingültiger musikalischer Prinzipien. Sein Duo Omnia unus est beruht auf mehreren Linien, die zunächst parallel laufen und sich gar gelegentlich in ihrem Verlauf „stören”. Wie der Titel andeutet – „alles ist eins” –, könnte sich jedoch diese anfängliche Verschiedenheit als trügerisch heraus stellen.

Vor dem Hintergrund eines Pedaltons scheint eine harmonische Schicht auf, die Chorälen Johann Sebastian Bachs entnommen ist. Im Gegensatz zur zeitlos-schwebenden Musik wirkt in diesen Harmonien ein Streben, das aber lange nicht aufgelöst wird. Auch Streben und Schweben erweisen sich als zwei Seiten einer Medaille: Omnia unus est.

Serban Novac und Rodica Danceanu spielen die Uraufführung von Corneliu Dan Georgescus Duo für Fagott und Klavier.

Musik
Corneliu Dan
Georgescu Omnia unus est (2009) für Ensemble UA

Mod 4
Omnia unus est, die Uraufführung eines Duos von Corneliu Dan Georgescu.

Bevor Georgescu 1987 nach Deutschland emigrierte, war es ihm viele Jahre gelungen, ein Auskommen in Rumänien zu finden. Andere, wie Horatiu Radulescu mussten sehr viel früher die Flucht ins Exil suchen: 1969 floh der damals 27-jährige nach Paris, um dort seine Klangforschungen voranzutreiben. Er wurde Teil der spektralen Bewegung, die in Paris ein ganz neues Musikdenken erfand.

Die akustischen Eigenschaften eines Klanges wurden den Spektralisten zum Ausgangspunkt, sie drangen mit Hilfe elektronischer Präzisionsinstrumente in ihn ein, um den Organismus zu begreifen und ihn dann gleichsam natürlich weiterwachsen zu lassen. Rasch verließen sie dabei die Pfade der temperierten Stimmung und ließen ungezähmte Obertöne frei – mikrotonale Klangwelten taten sich auf.

Auch Eugen Wendel, seit 1974 in Deutschland beheimatet, widmete sich nach seinem Ingenieursstudium zunehmen der Erforschung der Eigenschaften der Klänge und sein neues Stück, das er im Auftrag des WDR geschrieben hat, baut auf dem Spectrum eines tiefen Ds auf. Die Musiker verlassen die gewohnten Abstände zwischen den Tönen – wo früher zwölf waren, sind nun 53 Töne, was es dem Komponisten ermöglicht eigenartig schöne Modulationen zwischen Klangspektren vorzunehmen. Auch hier wird alles aus einem und ist alles eins – in das tiefe D, aus dem das Stück entsteht, kehrt es am Ende wieder zurück.

Das Ensemble Archaeus mit der Uraufführung von Spectrum von Eugen Wendel.

Musik
Eugen Wendel
Spectrum (2009) UA

Mod 5
Die Uraufführung von Eugen Wendels Komposition Spectrum für Ensemble, gespielt vom rumänischen Archaeus Ensemble.

„Wir brauchen Ameisen, keine Grillen.“ So brachte der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu sein Kunstverständnis einmal auf den Punkt. Dabei war der Beginn seiner Regierung im Jahr 1965 nach dem Tod von Gherghiu-Dej zunächst eine Zeit der Liberalisierung für Intellektuelle wie Künstler. Das änderte sich schlagartig nach einer Reise Ceausescus in das Reich der Mitte, im Juni 1971.

Die Gleichschaltung der Massen, wie sie Mao Zedong durch seine Kulturrevolution gelungen war, beeindruckte ihn so, dass er kaum einen Monat nach seiner Rückkehr mit der Verlesung der sogenannten „Juli-Thesen“ seine eigene „kleine Kulturrevolution“ anzettelte; mit dem offiziellen Ziel, „das ideologische Bewußtsein in der vielseitig entwickelten sozialistischen Gesellschaft “ anzuheben. Im Klartext: Subventionen, die der rumänische Komponistenverband und dessen konformistische Vorsitzende vergaben, wurden zur Förderung von Laien- und Propagandakunst umgeleitet.

Diese Ereignisse fielen zeitlich mit dem Studienbeginn Horia Surianus zusammen. Nach einem Abschluss in Bukarest zog es ihn zunächst für weitere Studien nach Großbritannien, anschließen nach Frankreich, wo er sich niederließ und heute Musik lehrt, forscht und ein Orchester leitet.

Sein Ensemblestück Pantum Sonata aus dem Jahr 1982 nimmt auf die malaiische Lyrik Bezug, von der sich schon Charles Baudelaire, Paul Verlaine, Oskar Pastior und andere anstecken ließen. Es handelt sich dabei um ein Gedicht in Strophenform mit Kreuzreimen. Besonders an dieser Gedichtform ist, dass jeweils zwei Zeilen aus der vorangegangenen Strophe in die nächste übernommen werden, wo sie an anderer Stelle auftauchen. Dadurch befragt sich der Text gleichsam selbst, bestätigt sich oder modifiziert seine Bedeutung durch die Wiederholung.

Als wäre das noch nicht genug, kreuzt Surianu sein musikalisches Pantum-Gedicht mit der Sonatenform. Etwas Neues entsteht aus zwei alten Formen – ein schönes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn zwei Kulturen sich aufeinander einlassen. Als Franzose mit rumänischen Wurzeln weiß Surianu worum es dabei geht.

Musik
Horia Surianu
Pantum Sonata (1982) für Ensemble DE

Mod 6
Horia Surianus Pantum Sonata – malaiische Strophen treffen auf europäische Sonatenhauptsatzform.

Paris, die Wahlheimat Surianus war schon für die ersten Rumänen, die nach einer klassischen Musikausbildung strebten, die wichtigste Anlaufstelle. Komponieren ist schließlich ein verhältnismäßig junges Gewerbe in Rumänien: Die erste Sinfonie eines rumänischen Komponisten entstand im Jahr 1869 – bezeichnenderweise am Pariser Conservatoire.

Vielleicht ist deswegen „Neue Musik“ bei manchen Rumänen auch einfach gleichbedeutend mit Klassik. Dass Geschichtslosigkeit mit Geschichtsvergessenheit nicht gleichgesetzt werden darf, unterstreicht Liviu Danceanu, der Dirigent des Ensembles mit seiner Komposition History 2.

Es ist gewissermaßen eine Kompaktlektion in der mehrere kompositorische Sprachen nacheinander durchlaufen werden. Die Musikgeschichte vom polyphonischen Organum und Conductus bis zur Heterophonie werden amalgamiert. Klavier und Schlagzeug shiften ihre Kollegen durch die Zeiten, die sie mit ihren Instrumenten nach geschichtlichen Haltepunkten abtasten.

Damit zum letzten Mal für den heutigen Abend: das Ensemble Archaeus unter Leitung des Komponisten Liviu Danceanu mit History 2.

Musik
Liviu Danceanu
History 2 (1998) für Ensemble DE


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