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Manuskripte
2010_02
10_03_07 MS SNM
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Zitat 1 Henri Michaux
Anscheinend höre ich auf ungewöhnliche Weise. Ein winziges Geräusch, das ich normalerweise nicht vernehmen würde, höre ich durch drei geschlossene Türen hindurch. Mehr noch, ich verfolge seine räumlichen Verschiebungen, mögen sie auch minimal sein, ich folge ihnen wie einem fließenden Bienenschwarm. Ich koste ein Stereohören aus. Ich höre so, wie es im Unterholz sichernde Hirsche tun, wenn sie die großen behaarten Lauscher ihrer unabhängigen rosigen Ohren aufstellen, in eine bestimmte Richtung drehen und wieder anlegen.
Moderation
"Auf ungewöhnliche weise Hören" – Henri Michaux notierte dieses Erlebnis, als er Anfang der Fünfzigerjahre mit Meskalin experimentierte. Um dieses "ungewöhnliche Hören" soll es in der folgenden Stunde gehen, denn auf dem Programm stehen Werke, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen entstanden sind bzw. die auf Erfahrungen mit solchen Drogen anspielen: Musik von Mauricio Kagel, Giacinto Scelsi und Fausto Romitelli. Den Anfang aber macht René Leibowitz mit einer ungewöhnlichen Hommage. 1960 komponierte er eine Reihe von "Variations non serieuse", nicht ganz ernst gemeinte Variationen über eine Zwölftonreihe, denen er den Titel Marijuana gab. Das Stück entstand für die Hauskonzerte, die Leibowitz regelmäßig veranstaltete. Es ist nichts bekannt über Leibowitz' eigenes Verhältnis zum Marijuana, aber der leichte Tonfall und die vollmundige Besetzung mit Geige, Posaune, Vibraphon und Klavier lassen ahnen, dass er dem Rauschmittel nicht ganz abgeneigt gewesen ist. Sie hören das Ensemble Aisthesis. Die Leitung hat Walter Nussbaum.
Musik 1
René Leibowitz
Marijuana (1962) Variations non sérieuses für Violine, Posaune, Vibraphon und Klavier op. 54
Ensemble Aisthesis, Walter Nussbaum – Ltg.
Moderation
Das Ensemble Aisthesis spielte Marijuana – Variations non serieuse von René Leibowitz – eine Komposition für Violine, Posaune, Vibraphon und Klavier aus dem Jahre 1960. Der Einfluss von Halluzinogenen auf die Musik ist heute Thema im "Studio Neue Musik". Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es nicht um die Verharmlosung oder gar die Verherrlichung von Drogen. Ja, die negativen Folgen des Drogenkonsums sind bisweilen sogar Gegenstand der ausgewählten Werke. Es geht vielmehr darum, wie die Drogen-induzierte Bewusstseinerweiterung die Phantasie der Künstler verändert. Es sind zahlreiche Selbstversuche überliefert; berühmt wurden – neben den Büchern von Carlos Castaneda – die Experimente von Henri Michaux und Aldous Huxley, die beide Anfang der Fünfzigerjahre Meskalin nahmen und ihre Erlebnisse aufzeichneten.
Zitat 2 Henri Michaux
"Ohne besonderen Grund, außer – und das genügte – dass ich erstaunt darüber war, überhaupt keine (innere) Musik zu vernehmen, während sich die Geräusche des Draußen und sogar eine ferne Harmonie selbstherrlich Zugang zu mir verschafften, gewahre ich nach einer ganzen Skala von Blautönen eine Schar von gut und gerne fünfzig Trompetern mit angesetzter Trompete, überaus lächerliche, in blauen und rosa Anzügen, von denen ich nicht weiß und nicht wissen will, wie sie heißen. Wie einer Operette entsprungen, wollen sie gerade zu spielen anfangen oder zumindest ein Konzert mimen, in unglaublicher Schnelle, und die Hälfte einer Stadt wie Orléans ist auf den Beinen und hört ihnen zu, genauso grotesk gekleidet wie sie, wie Krawatten aussehend, und wenn's dabei nicht vierzig Stockwerke von Balkons gab (mit Säulchen und auf lächerliche Weise in die Länge gezogen, damit bloß nichts fehlt), so will ich gehängt werden. Und das Ganze selbstredend in kitschigen Farben von Haarschleifen und Kinderbonbons ... Richtig ekelhaft."
Moderation
Ein Auszug aus Henri Michaux' Buch Unseliges Wunder. Das Meskalin. Die Stelle gehört zu den wenigen Abschnitten, die Michaux seinen akustischen Empfindungen widmet. Klangeindrücke scheinen, im Gegensatz zu visuellen Erlebnissen, kaum eine Rolle gespielt zu haben. Huxley ging weitaus systematischer vor als Michaux und ließ sich gezielt Schallplatten vorspielen. Aber auch er ist letztlich von den Eindrücken enttäuscht, auch wenn ihm die Musik Gesualdos Einsichten in die Ordnung der Welt gewährten.
Zitat 3 Aldous Huxley
Instrumentalmusik ließ mich seltsamerweise ziemlich kalt. Mozarts Klavierkonzert in c-moll wurde nach dem ersten Satz unterbrochen und eine Platte mit einigen Madrigalen von Gesualdo aufgelegt. "Diese Stimmen", sagte ich anerkennend, "diese Stimmen bilden eine Brücke, die in die menschliche Welt zurückführt. Und doch hat es gar keine Bedeutung, dass sich bei ihm alles in Teile auflöst. Das ganze ist desorganisiert. Aber jedes einzelne Bruchstück ist in Ordnung, ist ein Vertreter einer höheren Ordnung. Diese höhere, göttliche Ordnung herrscht sogar im Zerfall. Die Geschlossenheit des Ganzen ist auch noch in den Bruchstücken vorhanden. Vielleicht deutlicher vorhanden als in einem völlig zusammenhängenden Werk.
Moderation
Michaux und Huxley waren beide keine Musiker. Was aber geschieht, wenn ein musikalisch sensibler und begabter Mensch sich dem Meskalin hingibt. Tatsächlich gibt es auch in der Musik einen Selbstversuch mit Meskalin und LSD. Die Komposition Tremens von Mauricio Kagel geht auf ein solches Experiment zurück. Er konsumierte Drogen unter ärztlicher Aufsicht, protokollierte seine Erlebnisse und komponierte Tremens anschließend als, so der Untertitel, Montage eines Tests für zwei Sprecher und elektrische Instrumente. Im Mittelpunkt stehen der Patient und sein Arzt. Die Stimmung ist angespannt. Es ist keine harmonische oder gar euphorische Situation, die Kagel da beschreibt. Die gestörte Wahrnehmung des Patienten macht ihn reizbar. Wichtiger aber als der Dialog ist die Musik, die zu Testzwecken eingespielt wird und die – wie unter dem Einfluss von Drogen – von Kagel verzerrt, entstellt und getrübt wird.
Sie hören einen längeren Ausschnitt aus Kagels Tremens mit Alfred Feussner und Hannes Andersen als Sprecher sowie Karlheinz Böttner, Wilhelm Bruck, Heinz-Georg Thor, Harald Bojé und Siegfried Rockstroh an elektronischen und elektrisch verstärkten Instrumenten. Die Leitung hat der Komponist.
Musik 2
Mauricio Kagel
Tremens (Montage eines Tests) (1963-65) für zwei Sprecher und elektrische Instrumente
Moderation
Das Wunder kündigt sich an. Aber es bleibt am Ende aus. Mauricio Kagel komponierte diese "Montage eines Tests" 1965 nach Erfahrungen mit Meskalin und LSD. Sie hörten einen Ausschnitt aus Tremens mit Karlheinz Böttner, Wilhelm Bruck, Heinz-Georg Thor, Harald Bojé und Siegfried Rockstroh sowie Alfred Feussner und Hannes Andersen als Sprechern unter der Leitung des Komponisten.
Auch wenn das Meskalin bei vielen Probanten keine musikalischen Assoziationen weckte, gibt es Übereinstimmungen zwischen Drogenerlebnissen und der Musik. Die wichtigste Parallele betrifft die Wahrnehmung der Zeit. Huxley spricht von einer "ewigen Gegenwart", ein fast schon klassischer musikalischer Topos, während sie bei Michaux eine Epiphanie hervorruft.
Zitat 4 – Henri Michaux
"Beim Meskalin ist die Zeit unermesslich. Die phantastische Beschleunigung von Bildern und Vorstellungen hat sie erzeugt. Jetzt ist sie souverän. Die Raketenköpfe der Vorstellung ziehen da enorm schnell von dannen, ohne dass die Zeit durch sie in Mitleidenschaft gezogen würde. Gott müsste in solcher Zeit hausen, falls es ihn gäbe ..."
Moderation
Ein Komponist verfolgte Michaux' Ausführungen mit besonderem Interesse. Und auch er hegte ein besonderes Verhältnis zur musikalischen Zeit: Giacinto Scelsi. In einem seiner Texte heißt es:
Zitat 5 – Giacinto Scelsi
"Kann man sich vorstellen, die Geschwindigkeit der Inspiration zu beeinflussen? Kann man sie nach Gutdünken verlangsamen, sodass sie der Komponist so wie er es wünscht niederschreiben kann? [...] Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Zeit sich ausdehnt und zusammenzieht. Aber kann man das selbst herbeiführen? [..] Ich weiß, dass Henri Michaux verstehen würde, was ich gerade sage. Es existiert eine Schnelligkeit der inneren Wahrnehmung, wenn höhere Kräfte in uns eindringen."
Moderation
An Michaux, mit dem er befreundet war, bewunderte Scelsi, dass dieser die Drogen "beherrsche" und ihre Kraft künstlerisch nutze. Im Jahre 1953, als Michaux seine ersten Experimente durchführte, widmete er ihm fünf kurze Klavierstücke. Diese Incantesimi, also "Zaubersprüche", erinnern in ihrem nervösen Gestus stark an die Zeichnungen, die Michaux unter Meskalin anfertigte. Die Figuren reißen ab und werden mechanisch wiederholt. Sie laufen irre und erneuern sich beständig aufs Neue. Man kann nur vermuten, dass Scelsi selbst Meskalin genommen hat. Sicher aber kann man sich sein, dass Musik unter dem Einfluss dieser Droge in etwa so zu klingen hat. Sie hören Markus Hinterhäuser mit den Cinque Incantesimi von Giacinto Scelsi.
Musik 3
Giacinto Scelsi
Cinque incantesimi (1953) für Klavier
TT: col legno
Moderation
Markus Hinterhäuser mit den "fünf Zaubersprüchen" für Klavier von Giacinto Scelsi.
Meskalin ist keine Partydroge. In ihren Berichten wirken die Probanten oft verstört, ja zermürbt. Michaux litt infolge eines Rechenfehlers gar einmal unter einer schweren Überdosis, der Tripp wurde zum Horrortripp. Bezeichnenderweise war es eine musikalische Erfahrung, die ihm in diesem Moment am meisten half.
Zitat 6 – Henri Michaux
"was mir am meisten wohlgetan hatte ... war ein rhythmisches Klopfen mit der Hand, ein absichtliches, auf die Täfelung neben meinem Bett. Der langsame, unerwartete Rhythmus hatte mich wirklich von meinem Elendslager, meiner Trunkenheitsqual gleichsam erweckt. Schon nach wenigen Minuten wurde mir die Wohltat dieser guten Initiative zuteil und ich fühlte mich unverhofft ausgeruht. Aber für mein erschöpftes Wesen war diese Anstrengung groß gewesen, und so begann ich nicht gleich wieder damit, in der Hoffnung, bei völliger Reorientierung werde es schon von alleine gehen. Da ich am nächsten Abend Angst vor der Wiederkehr dieser metaphysischen Angst vom Vortage empfand, begann ich, obwohl mich das wiederum harte Anstrengung kostete, begann ich ein paar Rhythmen zu klopfen. Sofort trat eine positive Wirkung ein. Ihr verdankte ich es, dass ich die winzigen Oszillationen, die meine Gedanken durcheinander rüttelten und meinen Kopf benebelten, unschädlich machen konnte, indem ich sie verteilte. Mir fiel wieder ein chinesischer Gedanke ein, der mich früher höchst überrascht hatte und den ich jetzt besser verstand: "Die Musik ist dazu da, zu mäßigen." Aber ich hatte ihn schlecht behalten. Der Gedanke Yo-Kis sagt: "Die Musik ist dazu da, um die Freude zu mäßigen." Die Freude! Demnach wäre sie ungeheuer groß! In meinem Falle war sie es sicher nicht, es galt vielmehr mein ganzes Wesen zu mäßigen, das während der schrecklichen Stunden ausschweifend geworden war. Das gelang ihr schon bald mit überraschender Leichtigkeit. Sie verhalf dem zerstückten, auf allen Wegen seiner selbst zersplitterten Menschen in wenigen Augenblicken zur Sammlung, und mit den geordneten Tönen erfüllte ihn wieder innerer Frieden."
Moderation
Musik als Gegengift der Droge. Als Ausweg aus einem schlechten Tripp. Auf Michaux' Schriften berief sich auch der italienische Komponist Fausto Romitelli, der zwischen 1998 und 2000 einen Zyklus mit dem Titel Professor Bad Trip schrieb. In Romitellis Ensemble spielen neben "klassischen" Instrumenten auch eine E-Gitarre und ein E-Bass, ein Keyboard, eine Mundharmonika und ein Kazoo. Romitelli, ein Schüler der Spektralisten Gerard Grisey und Tristan Murail, greift, ähnlich wie Kagel übrigens, Instrumente und Techniken der Rockmusik auf, vor allem Techniken der häufig mit Drogen assoziierten Stilrichtiungen Progressive und Psychedelic Rock. Es geht Romitelli aber nicht um eine Kopie dieser "Rockismen", sondern um den allmählichen Zerfall akustischer Entitäten, wie man ihn unter Drogeneinfluss erlebt. Sie hören Lesson 3 aus Professor Bad Trip von Fausto Romitelli. Es spielt das Ictus Ensemble.
Musik 4
Fausto Romitelli
Professor Bad Trip – Lesson 3 (2000) für Ensemble und Elektronik
Ictus Ensemble
TT: Cypres Records CYP5620
Moderation
"Studio neue Musik" heute mit einer Sendung zum Thema "Musik und Drogen" – zuletzt mit dem dritten Teil aus Professor Bad Trip von Fausto Romitelli, einem italienischen Komponisten, der 2004 im Alter von nur 41 Jahren an Krebs starb.
Musik und Drogen – in der Rockmusik ist der Zusammenhang evident, ja bisweilen nachgerade konstitutiv. In der Kunstmusik herrscht hingegen ein distanzierteres Verhältnis zum Drogenkonsum. John Cage zum Beispiel erklärte, seiner ausgesprochenen Leidenschaft für Pilze zum Trotz, niemals einen Magic Mushroom genommen zu haben. Auch Karlheinz Stockhausen lehnte alle Bewusstseins-verändernde Substanzen strikt ab. Und sogar Michaux hat, von seinen Experimenten abgesehen, jegliche Droge verweigert und verzichtete zeitlebens sogar auf Kaffee und Tee.
Sowohl Michaux als auch Huxley kommen in ihren Büchern auf den französischen Philosophen Henri Bergson zu sprechen, der es als zentrale Aufgabe des Bewusstseins sah, zu vergessen, zu verdrängen und Informationen zu filtern. Unter Drogen, berichten Michaux und Huxley, scheint diese Funktion vorübergehend auszusetzen und alles, auch das Unwichtige, dringt ins Bewusstsein. Der Künstler, schlussfolgert Huxley in seinem Essay Die Pforten der Wahrnehmung, hat genau deshalb keine Drogen nötig.
Zitat 7 – Aldous Huxley
"Die Fähigkeit zu sehen, jederzeit das zu sehen, was wir Übrigen nur unter dem Einfluss von Meskalin sehen, ist dem Künstler angeboren. seine Wahrnehmung ist nicht auf das biologisch oder soziologisch Nützliche beschränkt. Etwas von der dem totalen Bewusstsein eigenen Erkenntnis sickert durch den Reduktionsfilter von Gehirn und ich in sein Bewusstsein. Es ist eine Erkenntnis der allem Seienden innewohnenden Bedeutsamkeit."
Moderation
Mit anderen Worten: Der Künstler muss sein Bewusstsein nicht mehr erweitern. Sein von Natur aus erweitertes Bewusstsein zeichnet ihn als Künstler aus.
Mit diesem Ausblick geht unsere Sendung zu Ende. Morgen um 23 Uhr 5 hören Sie eine Sendung über die Geschichte des LSDs – hier bei WDR 3 open. Die Redaktion dieser Sendung hatte Harry Vogt. Die Zitate sprach Jörg Hustiak. Am Mikrofon verabschiedet sich Björn Gottstein.










