Thomas Quasthoff im Interview "Ich bin der Wegweiser für junge Sänger"

Zum dritten Mal geht seit Mittwoch (20.02.3013) der internationale Wettbewerb "Das Lied" über die Bühne, der von dem Sänger Thomas Quasthoff ins Leben gerufen wurde. 40 junge Sängerinnen und Sänger präsentieren sich in Berlin. Im Interview mit WDR3.de spricht Quasthoff über Sprungbretter, Preisgelder und seinen eigenen schwierigen Weg zum gefeierten Bassbariton.


Bassbariton Thomas Quasthoff
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Bassbariton Thomas Quasthoff

WDR3.de: Herr Quasthoff, spüren Sie ein größeres Interesse junger Leute am Lied? Und verändert sich der Nachwuchs-Sängermarkt durch immer mehr Wettbewerbe?

Quasthoff: Ich glaube, der Sängermarkt bestimmt sich nicht primär über Wettbewerbe. Wer wirklich was kann, setzt sich auch ohne Wettbewerbe durch. Das sind sicher Sprungbretter, um schneller bekannt zu werden, doch einen Wettbewerb zu gewinnen oder ins Finale zu kommen, ist noch relativ einfach. Sich danach für würdig zu erweisen über einen Zeitraum von 15, 20 oder gar 30 Jahren, das ist das Schwierige. Da zeigt sich erst, ob eine Karriere berechtigt ist oder nicht. Als wir den Wettbewerb 2009 gründeten, war es uns eine Pflicht, das Lied für fünf Tage in den Fokus zu stellen. Der Erfolg gibt uns Recht: In diesem Jahr hatten wir 130 Bewerberinnen und Bewerber aus aller Welt. Es besteht also bei jungen Leuten ein Interesse für das Lied!

Thomas Quasthoff
Bassbariton Thomas Quasthoff

Der 1959 in Hildesheim geborene Bassbariton gilt als Ausnahmesänger. Und das nicht nur, weil er als Contergankind geboren wurde. Sein Karriere als Berufssänger verlief besonders steil. Nach seinem Sieg 1988 beim ARD-Wettbewerb begann eine beispiellose Karriere, besonders als Liedinterpret auf internationalen Bühnen. Im vergangenen Jahr nahm er aus gesundheitlichen Gründen seinen Abschied von der Konzertbühne. Er widmet sich weiter intensiv der Förderung des Sängernachwuchses.

WDR3.de: Die Preisgelder sind sehr hoch und werden als Stipendien über einen Zeitraum von einem Jahr ausgezahlt, Außerdem begleiten Sie die Preisträger zu Konzerten etwa im Musikverein Wien oder dem Festspielhaus Baden-Baden. Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Sängern?

Quasthoff: In die Programmauswahl zum Beispiel mische ich mich überhaupt nicht ein, ich arbeite mit ihnen auch nicht, wenn wir auf Reisen gehen. Sie haben absolute Freiheit. Sie sollen ja ihre eigenen Interpretationen finden und nicht meine. Das wäre ja gruselig. Ich bin gewissermaßen der Wegweiser, der den Hauptpfad vorgibt. Ich zeige den Sängerinnen und Sängern, wo es langgehen kann, doch es gibt natürlich Haupt- und Nebenwege. Wohin sie sich wenden, ist sowohl nach dem Wettbewerb als auch nach dem Hochschulabschluss ihnen selbst überlassen.

WDR3.de: Mit Claude Debussy, Maurice Ravel, Richard Strauss und Gustav Mahler fragen Sie im Wettbewerb diesmal ein sehr breites Repertoire ab, was ist der Grund dafür?


Die Jurymitglieder Brigitte Fassbaender und Thomas Quasthoff
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Die Jurymitglieder Brigitte Fassbaender und Thomas Quasthoff

Quasthoff: Sowohl bei Ravel als auch bei Debussy gibt es nicht so viel Literatur. Beide haben relativ wenig für Mezzo oder Sopran geschrieben. Doch mit Mahler und Strauss ergibt sich eine sehr gute Mischung aus technischer Beherrschung und Ausdrucksvermögen, das der Interpret besitzen muss, um den Stücken musikalisch und expressiv gerecht zu werden. Mir war es wichtig, dass wir diesmal auch nicht-deutsche Komponisten haben. Damit geben wir international Leuten eine Chance, die vielleicht nicht so gut Deutsch können, sich mit exzellenten Vorträgen von Ravel und Debussy in den Vordergrund zu singen.

WDR3.de: Wenn Sie sich zurück erinnern an Ihre eigene Gesangsausbildung, gab es Momente, in denen Sie gern mehr Rat dieser Art gehabt hätten – oder auch sagen: Hier war es mir zuviel?

Quasthoff: Eher zuviel. Ich komme ja aus einer sehr behüteten Lehrer-Schüler-Situation. Seit ich 13 war, war ich beinahe täglich bei Charlotte Lehmann und im Grunde genommen so etwas wie ein zweiter Sohn. Die Abnabelung, nachdem ich den ARD-Wettbewerb gewonnen hatte, war sehr, sehr schwierig. Auf der anderen Seite war es für mich dann auch eine sehr gute Schule, mich selbst freischwimmen zu müssen. Dadurch, dass ich gezwungen war, alleine zu arbeiten, habe ich mich künstlerisch sicher schneller weiterentwickelt als das in Begleitung der Fall gewesen wäre. Und heute, an der Hochschule für Musik Hanns Eisler gilt für mich: Wenn ich mit einem Studenten oder einer Studentin künstlerisch nicht weiterkomme, finde ich es nur konsequent zu empfehlen, einen anderen Lehrer zu probieren.

WDR3.de: Wenn nun ein Sänger ausgereift ist und sagt: Ich muss meinen Weg aufs Liedpodium gehen, denn es ist mein innerster Wunsch. Was raten Sie?


Thomas Quasthoff bei einer Gala
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Thomas Quasthoff

Quasthoff: Machen! Ganz einfach. Es heißt ja auch nicht "Musik denken" oder "Musik planen", sondern "Musik machen". Wer das nötige Können, den nötigen Fleiß, die Ernsthaftigkeit und natürlich auch das nötige stimmliche Material mit sich bringt, die Ausstrahlung und die Intelligenz - der wird seinen Weg gehen. Öffentlich wird gern propagiert, der Liedgesang sterbe aus. Ich merke aber zum Beispiel bei Meisterkursen, wie gerührt die Menschen noch immer sein können, wenn da oben einer steht, der etwas zu sagen hat und es schafft, die Projektion herzustellen von seinem Inneren zum Inneren des Publikums.

Das Interview führte Julia Kaiser.



Stand: 21.02.2013, 17.54 Uhr