Edda Moser Gesangskurs live in WDR 3 „So sauber singen nur Laienchöre“

Von Heiko Schlierenkamp

Sopranistin Edda Moser studierte mit WDR-3-Hörerinnen und -Hörern Verdis „Gefangenenchor“ ein. Das Ergebnis lässt sich hören – und gehört zu den Höhepunkten des WDR-3-Silvester-Spezials 2012.


Edda Moser und der WDR 3- Laienchor, mit den Moderatoren Jörg Lengersdorf und Daniel Finkernagel
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Perfekte Chorsänger dank Edda Moser - der WDR 3 Laienchor mit mit den Moderatoren Jörg Lengersdorf und Daniel Finkernagel.

"Wissen sie alle, was ,crescondo‘ bedeutet? Der Ton wächst langsam an. Er ist eben nicht am Anfang und Ende gleich laut." Edda Moser (74) guckt streng in die Runde der acht Frauen und acht Männer, die sich im Halbbogen um sie geschart haben. Vielleicht etwas zu streng für die 16 Hörerinnen und Hörer von WDR 3, die alle leidenschaftliche Chorsängerinnen und Chorsänger sind. Und diesem Tag seit zwei Wochen entgegen fieberten.

Aus rund 200 Bewerberinnen und Bewerbern sind diese Sechzehn ausgelost worden, um am Silvesternachmittag mit der weltberühmten Sopranistin Edda Moser den Gefangenchor aus Giuseppe Verdis Oper "Nabucco" einzustudieren. Jetzt stehen sie im engen Mehrzweckstudio von WDR 3 und sind ein wenig verdutzt.

Salbeitee im Proviant


Pianist Thomas Zippelius, Oper Bonn, beim Einsingen des Edda-Moser-Laienchors
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„Das Horn, das Horn, das ist so faul“ – Thomas Zippelius bringt den Laienchor in Schwung.

Schon zwei Stunden zuvor sind die meisten ins Funkhaus am Wallrafplatz in Köln gekommen. Die Frauen größtenteils in modisch-lässigen Jeans-Blusen-Kombinationen. Die Herren in der Mehrzahl in grauen Sakkos. Ein paar Damen packen Thermoskannen aus, gießen heißen Salbeitee in die mitgebrachten Becher. Das hilft gegen den von allen Sängern gefürchteten trockenen Hals. Das hilft aber nicht gegen die nervösen Blicke, die im Foyer gewechselt werden. Blicke, die zu fragen scheinen: Bin ich eigentlich gut genug, um mit Edda Moser singen zu können?

"Aber ganz ehrlich: Wer traut sich zu diesem Termin schon hin, ohne jegliche Gesangs-Erfahrung?" beruhigt Christa Belzner (65) aus Lüdenscheid sich selbst und die anderen. Auch Roland Wolniczak-Loers, der gerade noch an seinem goldenen Ohrring nestelte, scheint sich nach Christa Belzners Worten zu entspannen. "Erstmal freue ich mich riesig, dabei zu sein", sagt der 58-jährige Hauswirtschafter aus Neuss. Seit 1991 singt er bereits im Chor, "vor allem Oratorien. Der Gefangenenchor ist allerdings Neuland für mich." Ganz anders ist das bei Annemarie Bechert (65), pensionierte Lehrerin aus Bonn, und Ute Harth (37), Sozialpädagogin aus Köln. Beide singen seit ihrer Kindheit, "Nabucco gehört zu unserem Standardprogramm", versichern die Frauen. Und anscheinend gilt das auch für fast alle anderen Hörerinnen und Hörer, die heute hier sind.

Es wird ernst - und die Stimmen dünn

Warum bloß will der Gefangenchor dann in Edda Mosers Ohren nicht gleich aus dem Stand gelingen? Zumal doch alle 16 noch eine einstündige Einsingphase in den Kehlen haben? Fünf Soprane, drei Alti, drei Tenöre und fünf Bässe hatte "Warm-up"-Leiter Ulrich Zippelius, Pianist von der Oper Bonn, definiert, positioniert und zu vollem Klangvolumen gebracht. Und jetzt?


Hörer Roland Wolniczak-Loers beim WDR 3-Chor mit Edda Moser
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Roland Wolniczak-Loers sah Edda Moser zum ersten Mal bei "Was bin ich?"

Liegt es an Edda Moser? "Ja, jetzt kommt die Nervosität doch ein wenig zurück", bekennt Roland Wolniczak-Loers. Wegen dieser großen Diva, die er mit 15 Jahren erstmals in Robert Lembkes TV-Sendung 'Was bin ich?' sah. "Da hat sie andauernd gelacht. Meine Mutter meinte: 'Ist die Frau anstrengend'. Und ich fand ihr Lachen einfach nur toll." Jetzt steht sie in ihrem strengen schwarzen Hosenanzug einen Meter vor ihm, und der Mann ist baff.

Oder liegt es mehr daran, dass die Chorprobe live im WDR-3-Silvester-Spezial zu hören ist? Edda Mosers Frage nach dem crescondo sitzt jedenfalls. Zwei singende Herren tupfen ein paar Schweißperlen von der Stirn. Dabei hat sie ihre Vorsängerin schon nach weniger als einer halben Minute unterbrochen.

Ein Hauch von Philharmonie


Edda Moser und ihr „Gefangenenchor“ im WDR-3-Studio
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„Bauch einziehen!“ – Edda Moser und ihr „Gefangenenchor“ im WDR-3-Studio.

Doch Musikprofi Edda Moser weiß, wie man das Eis bricht: "Versuchen sie es bitte alle nochmal – und nicht vergessen: Die hohen Töne mehr aussingen. Ich will das Gefühl haben, dass sie sich richtig freuen, weil sie endlich mal einen hohen Ton singen dürfen", sagt sie mit einem Lächeln, das alle um sie herum zum Schmunzeln bringt. Ein Schmunzeln, welches auch das letzte Zwerchfell befreit. Beim zweiten Versuch weht urplötzlich ein Hauch Kölner Philharmonie durch das Studio. Der Chor der geknechteten Hebräer, die in ihre Heimat zurückwollen, erscheint einem wie von Verdi gewünscht vor Augen.

Und nach Edda Mosers letztem Tipp ("Beim Raufgehen mit der Stimme, den Bauch einziehen. Dann haben sie oben mehr Kraft.") sind selbst die WDR-3-Moderatoren Daniel Finkernagel und Jörg Lengersdorf, die den Chor verstärken, voll bei Stimme. Als zum dritten Mal "Va, pensiero, sul l’a lido colli ..." ("Zieh’, Gedanke, auf goldenen Hügeln ...") erklingt, strahlen Lehrerin, Sängerinnen und Sänger im Chor.

Beim Resumee der Star-Sopranistin ist alle Nervösität verflogen und Edda Moser blickt in glückliche Gesichter. "Beneidenswert", sagt sie, "so sauber können nur Laienchöre singen".



Stand: 31.12.2012, 22.06 Uhr