Diaspora-Haus in Tel Aviv Eine Geschichte der jüdischen Musik

Von Niklas Rudolph

Auf dem Gelände der Universität Tel Aviv befindet sich das Diaspora Museum. Hier wird die Geschichte der jüdischen Gemeinden und Familiennamen dokumentiert, sowie Fotos, Filme und Musik gesammelt - vor allem Tonträger mit Aufnahmen jüdischer Musik aus der ganzen Welt.


Eine Statue des Psalmdichters David auf dem Zionsberg in Jerusalem
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Eine Statue des Psalmdichters David auf dem Zionsberg in Jerusalem




"Wenn Menschen von einem Ort zum andern wandern, verlieren sie meistens ihre eigene Identität und passen sich dem neuen Heimatland an. Aber die Juden sind anders." Für Haim Ghiuzeli ist das ein großes Rätsel. Er leitet das Zentrum für Musik im Museum des jüdischen Volkes "Beit Hatfutsot". Das Zentrum in Tel Aviv sammelt und produziert Aufnahmen von jüdischer Musik aus aller Welt.

Mit dem zerstörten Tempel ging die Musik verloren

"In einem gewissen Sinne gibt es ja gar keine jüdische Musik mehr", sagt Orit Uziel, die Verwalterin der Sammlung. Denn jüdische Musik sei im Tempel gemacht worden: "Und als der Tempel einmal zerstört war, ging auch die Musik verloren."

Stichwort: Diaspora

1948 fanden die Juden im heutigen Staat Israel eine dauerhafte Bleibe. Nach der Zerstörung des heiligen Tempels von Jerusalem im Jahre 70 nach Christus mussten die Juden aus Palästina fliehen. 2000 Jahre lang hatten sich die Juden weltweit unterschiedlichsten Lebensweisen anpassen müssen.

Haim Ghiuzeli und Orit Uziel sammeln also alles, was von der Musik übrig geblieben ist. Alte Aufnahmen aus verstaubten Archiven tragen sie zusammen; was sie selbst finden können, nehmen sie auf CD auf: Gesänge aus Synagogen in der Ukraine, Volkslieder aus Marokko und Klezmer-Musik aus Berlin.

7.500 Aufnahmen befinden sich in den Beständen von Beit Hatfutsot. Eine größere Sammlung von Aufnahmen jüdischer Musik gibt es nur in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem.

"Nach der Zerstörung des Tempels war Fröhlichkeit verboten"


Dr. Haim Ghiuzeli ist Leiter des Musikinstituts am Museum des jüdischen Volkes "Beit Hatfutsot" in Tel Aviv
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Dr. Haim Ghiuzeli

Die meiste Musik in den Schränken von Beit Hatfutsot sind Aufnahmen von Volkalmusik: "Denn nach der Zerstörung des zweiten Tempels gab es unter den Juden die Vereinbarung, dass man nicht mehr fröhlich sein durfte", sagt Haim Ghuzieli. "Und Musik macht gute Laune. Das ist ein Problem!" Noch heute sind Instrumente in den Synagogen die Ausnahme.

Einige gewiefte Musiker aus dem Jemen umgingen das Instrumente-Verbot mit einem kreativen Trick: Sie begleiteten ihre Musik auf Ölfässern. Haim Ghiuzeli muss lachen über den Geniestreich: "Es ist keine Violine, es ist keine Trompete. Es ist nichts, was man als Musikinstrument bezeichnen würde. Und dennoch echte Musik."

Später wurde Musik sogar wichtig für den Erfolg einer Ehe


Mit dem Aufkommen der chassidischen Bewegung im östlichen Europa des 18. Jahrhunderts änderte sich die Haltung gegenüber Instrumenten stark. Sie betrachteten Musik als einen festen Bestandteil des menschlichen Lebens. "Es war eine magische Sicht", sagt Haim Ghiuzeli. Als Reaktion auf Überfälle auf jüdische Gemeinden in Ost-Europa suchten die Juden ihre Wurzeln - etwa in der Thora, also den fünf Büchern Moses. Ebenso wichtig wurden aber auch mystische Erzählungen.

Der Rabbiner Nachman von Bratslav ging sogar so weit, die Musik bei der Hochzeit für den Erfolg der Ehe verantwortlich zu machen. Von dieser Bewegung, in der auch die Klezmer-Musik enstand, ging ein Schub für die jüdische Musik aus.

Sammlung gegen das Vergessen

Viele Osteuropäer flohen dann während der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts in die USA und brachten ihre Musik mit. Schnell erkannten Geschäftsleute das Potential dieser Musik. "Denn dafür gab es einen Markt", sagt Haim Ghiuzeli. "Denn die Immigranten, die gerade erst in den Staaten angekommen waren, wollten ihre vertrauten Volkslieder auf Schallplatte hören."


Das Museum des jüdischen Volkes "Beit Hatftutsot" in Tel Aviv
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Beit Hatfutsot

Diese Explosion setzte neue Standards für Aufnahmen von Musik. Auch das Musikinstitut von Beit Hatfutsot profitierte davon. Haim Ghiuzeli und Orit Uziel arbeiten daran, ihre Bestände weiter zu vervollständigen.

Mit ihrer Sammlung bewahren sie die Musik des jüdischen Volkes vor dem Vergessen. Damit eines Tages vielleicht das große Rätsel gelöst werden kann, sagt Haim Ghiuzeli: "Wir haben hier ein Volk, das über die ganze Welt verstreut war. Das in unterschiedlichsten Kulturen gelebt hat. Das unterschiedlichste Lebensarten übernommen hat. Das aber immer ein Volk geblieben ist."


Ein Beitrag vom 05.03.2014 aus...


Redaktion:


Stand: 23.04.2014, 17.38 Uhr