Sonntag, 14.03.10 um 16:05 Uhr
Life On Stage
Bretterwelt & Boden der Tatsachen
Mit Babette Michel
Inszenierte traditionelle Musiken u. a. aus dem madegassischen Open-Air-Volkstheater „Hira Gasy“ und der Bühnenshow des Ensemble des Gouverneurs von Astrachan an der Wolga (aufgenommen beim Festival „EBU Contemporary Folk Cologne“)
Wirkliches Leben und „Show“: wie verhält sich Realität zu ihrer musikalischen Inszenierung? Diese Ausgabe der „WDR 3 Musikkulturen“ kreist um zwei markante, recht unterschiedliche Typen von musikalischem Volkstheater.
Astrachan – ein russischer Regierungsbezirk am Nordufer des Kaspischen Meeres, Übergang Europas zum persischen und kasachischen Orient. Astrachan heißt auch seine Metropole in der Wolgamündung, ein alter Handelsknotenpunkt, Umschlagplatz für Persianer-Pelze und Kaviar, bewohnt seit eh und je von einem quirligen Vielvölkergemisch.
Nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion war das langjährige Flaggschiff Astrachaner Folklore, das staatliche Matrosenensemble „Moryana“, im stürmischen Auf und Ab des Neuen Marktes untergegangen. Die Lücke, die es hinterließ, wurde erst vor zwei Jahren geschlossen – als der Gouverneur ein repräsentatives Gesangs- und Tanzensemble gründete und den renommierten Balalaika-Virtuosen Aleksandr Lavrinenko zu seinem künstlerischen Leiter berief. Die vielköpfige Truppe war Beitrag des russischen Senders Radio Mayak beim letztjährigen Folk Festival der Europäischen Rundfunk-Union (EBU) im Kölner WDR-Funkhaus, und der vergangenen Welt der Kosaken hauptsächlich war ihr Programm gewidmet.
Madagaskar - von Juni bis September, wenn der Reis eingebracht ist und die Erde ruht, steigen im Hochland Familienfeste. Die Rituale von Totenumbettungen, Beschneidungen und Hochzeiten werden von einem aufsehenerregenden und lautstarken Spektakel begleitet, dessen Wurzeln weit in die Geschichte zurückreichen: Hira Gasy. Üblicherweise setzt sich eine Truppe aus 10 bis 25 Mitgliedern eines Familienclans oder Dorfes zusammen. Ihre Darbietungen handeln von Themen des sozialen Lebens: Liebe, Freundschaft, Arbeit, Politik. Geprägt sind die Geschichten von klaren und einfachen Botschaften, die auch von einem so genannten „Kabary“-Redner vermittelt werden, der zu Beginn jeder Aufführung den Handlungsverlauf der musikalischen und tänzerischen Darbietung erläutert. Oft findet das Hira Gasy als Wettbewerb zwischen zwei oder mehreren Gruppen statt. Schiedsrichter ist das Publikum. Mit der Compagnie Ra-Jean Marie präsentiert sich in wenigen Tagen, am 18. und 19. März, im Mülheimer Theater an der Ruhr Hira Gasy erstmals im deutschsprachigen Raum.
Redaktion: Werner Fuhr
- Das Astrakhan Ensemble beim EBU Festival in Köln



















