Mittwoch, 17.02.10 um 17:45 Uhr
17. Februar 1920
Der Beginn der „Anastasia-Legende“
Von Ralph Erdenberger
Eine Unbekannte wird aus dem Berliner Landwehrkanal gezogen. Die junge Frau hat versucht, sich umzubringen. Die Boulevardpresse spekuliert: Handelt es sich bei dem Selbstmordversuch um die russische Zarentochter Anastasia? Hat sie das Massaker an ihrer Familie 1918 in Jekatarinburg überlebt, nur psychisch nicht verkraftet?
Der Fall vom 17.Februar 1920 ist der Beginn einer Legende, die 74 Jahre lang leben und immer neu genährt wird. Stammen die tiefen Narben an ihrem Körper etwa von russischen Bajonetten? Oder nur von einem Arbeitsunfall mit einer Granate in einer polnischen Waffenfabrik? Ist sie nur eine einfache Fabrikarbeiterin oder wirklich die Großfürstin, wie sie selbst behauptet. Dass diese Frau ein Leben lang kein russisch spricht, schreiben die Ärzte dem erlittenen Trauma zu, die gesamte Familie bei einer Hinrichtung zu verlieren. Zwischen 1938 und 1970 führt die vermeintliche Anastasia Prozesse vor deutschen Gerichten, um ihre wahre adelige Identität zu beweisen: ohne Erfolg. Schließlich zieht sie sich unter dem Namen "Anna Anderson" in die USA zurück, heiratet und lässt sich sofort nach ihrem Tod 1984 einäschern.
Trotzdem wird zehn Jahre später festgestellt: Diese "Anastasia" hieß Franziska Schanzkowska, eine Bauerntochter aus Polen. Das Beweismittel: ein DNA-Test.
Redaktion Hildegard Schulte













